"Geh Du vor ..." sagte die Seele zum Körper
"... auf mich hört er nicht, vielleicht hört er auf Dich."
"Ich werde krank werden, dann wird er Zeit für Dich haben"
sagte der Körper zur Seele.
( Ulrich Schaffer )
Der alte Mann trug auf seinen Schultern einen großen,
schweren Sack, während er tief gebeugt die staubige Straße hinunter schlurfte.
Er schaute nur nach unten auf die Straße. Hatte keinen Blick für den blauen Himmel und die goldene Sonne, die strahlend über ihm stand.
Da kam ein fröhliches Mädchen mit langen Zöpfen daher gesprungen, sah den Alten und rief ihm zu: "Was schleppst du denn da so Schweres?"
Der alte, geplagte Mann schaute kurz auf und erwiderte ihr müde:
"In diesem Sack trage ich alle Sorgen meines Lebens mit mir herum."
Das Mädchen schaute verwundert und kam neugierig näher.
"Lass mich doch mal hineinschauen", bat es ganz artig. Der alte Mann zuckte mit
den Schultern, seufzte dann tief und stelle die schwere Last vor sich auf dem Weg ab. Gemeinsam öffneten sie den Sack, schauten hinein und sich dann gegenseitig
staunend an. Der Sack war völlig leer.
"Wo sind denn deine Sorgen?" wollte das neugierige Mädchen wissen. "Ich habe scheußliche Schuldgefühle aus meiner Vergangenheit und mache mir fortwährend große Sorgen über mein Zukunft" entgegnete der Alte und wurde verlegen.
"Schau", lächelte das Mädchen den Alten an "deshalb ist der Sack auch leer.
Denn Gestern ist schon vorbei und Morgen ist noch nicht geboren! Nur das Heute,
richtig gelebt, ist wichtig!" Da wurde der alte Mann froh, warf den leeren Sack fort und umarmte überglücklich, dankbar und voll Freude das kleine, neugierige Mädchen. Er hatte das wunderbare Gefühl, einem Engel begegnet zu sein. Mit einem lustigen Lied auf den Lippen war er hüpfend und springend bald hinter der nächsten Wegbiegung verschwunden. Lange noch schaute ihm das Mädchen nach und dachte bei sich:
"Es scheint, als wäre dieser Mensch heute neu geboren worden."
Ein ungeborenes Zwillingspärchen unterhält sich im Bauch seiner Mutter.
"Sag mal, glaubst du eigentlich an ein Leben nach der Geburt?" fragt der eine Zwilling.
"Ja, auf jeden Fall! Hier drinnen wachsen wir und werden stark für das, was draußen kommen wird", antwortet der andere Zwilling.
"Ich glaube, das ist Blödsinn!", sagt der erste. "Es kann kein Leben nach der Geburt geben – wie sollte das denn bitteschön aussehen?"
"So ganz genau weiß ich das auch nicht. Aber es wird sicher viel heller als hier sein. Und vielleicht werden wir herumlaufen und mit dem Mund essen?"
"So einen Unsinn habe ich ja noch nie gehört! Mit dem Mund essen, was für eine verrückte Idee. Es gibt doch die Nabelschnur, die uns ernährt. Und wie willst du herumlaufen? Dafür ist die Nabelschnur viel zu kurz."
"Doch, es geht ganz bestimmt. Es wird eben alles nur ein bisschen anders."
"Du spinnst! Es ist noch nie einer zurückgekommen von 'nach der Geburt'. Mit der Geburt ist das Leben zu Ende. Punktum."
"Ich gebe ja zu, dass keiner weiß, wie das Leben nach der Geburt aussehen wird. Aber ich weiß, dass wir dann unsere Mutter sehen werden, und sie wird für uns sorgen."
"Mutter??? Du glaubst doch wohl nicht an eine Mutter? Wo ist sie denn bitte?"
"Na hier – überall um uns herum. Wir sind und leben in ihr und durch sie. Ohne sie könnten wir gar nicht sein!"
"Quatsch! Von einer Mutter habe ich noch nie etwas bemerkt, also gibt es sie auch nicht."
"Doch, manchmal, wenn wir ganz still sind, kannst du sie singen hören. Oder spüren, wenn sie unsere Welt streichelt ..."
Es war einmal eine Muschelkolonie. Sie lebte irgendwo an einem schönen Strand im Meer. Sie waren alle glücklich und überaus lebendig – Großmutter, Großvater, Vater und Mutter, die Kinder und alle anderen möglichen Verwandten.
Eines Tages geschah es, dass sich eine kleine Muschel bei der Nahrungsaufnahme verletzte indem ein kleines Felsstückchen, das durch die starken Wellen abgebrochen wurde, in die Muschel eindrang.
Der Schmerz war so tief und so groß, dass sich die kleine Muschel ganz verschloss.
Für alle, die mit der kleinen Muschel lebten war das Unglück auch ein großer Schreck. Denn die kleine Muschel war ganz anders geworden. Sie lag nur noch so da und wollte sich überhaupt nicht mehr am Leben freuen.
Alle anderen Muscheln versuchten die Kleine zu motivieren, sie solle doch wenigstens weinen oder klagen oder versuchen sich zu öffnen.
Doch die kleine Muschel mochte nicht. Denn jedes Mal, wenn sie es versuchte, spürte sie diesen tiefen, großen Schmerz.
So verging viel Zeit. Und wenn man genau hinhörte, konnte man das Klagen und das Weinen der kleinen Muschel hören.
Und dann plötzlich, niemand wusste warum, versuchte die kleine Muschel sich ganz langsam zu öffnen, immer in Bereitschaft, bei Schmerzen wieder zu schließen.
Doch die kleine Muschel war selber erstaunt, es tat gar nichts weh.
Im Gegenteil, sie spürte, dass mit ihr etwas ganz wunderbares geschehen war. Auch alle anderen Muscheln kamen um die kleine Muschel zu beglückwünschen.
Und auch diese kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Dort, wo das Felsstückchen die Muschel verletzt hatte, dort glitzerte und funkelte eine wunderschöne Perle.
Leiden und Trauern bringt ungeahnte Perlen hervor!
Nach: Dr. Jorgos Canacakis